Wissenschaftliche Sammlungen

Lautarchiv

Publikation: „Das Lager als Sprachlabor?“

Franz Steiner Verlag 2017:

„Das Lager als Sprachlabor?“
Tonaufnahmen von russischen Kriegsgefangenen aus dem Jahr 1941 in Neubrandenburg / Fünfeichen

Herausgegeben von Marie-Luise Bott, Britta Lange und Roland Meyer

Im November 1941 führte das Institut für Lautforschung der Berliner Universität im Lager Fünfeichen bei Neubrandenburg Sprachaufnahmen mit dort neu eingetroffenen sowjetrussischen Kriegsgefangenen durch. Während sich die Häftlinge einerseits in einer äußerst prekären Situation befanden, da die Regeln für Kriegsgefangene der Genfer Konvention außer Kraft gesetzt waren, nutzten andererseits Sprachwissenschaftler die Präsenz von Muttersprachlern für wissenschaftliche Sprachaufnahmen im Lager. Unter der Expertise des Slawisten Max Vasmer entstanden so 29 grammophonische Platten mit Sprachaufnahmen von Gefangenen, die sich vorwiegend aus dem Repertoire russischer Volksmärchen speisen.
In diesem Buch werden die Aufnahmen, die sich seit ihrer Herstellung im Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin befinden, erstmals in digitalisierter, transkribierter und übersetzter Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ihre Inhalte werden sowohl linguistisch als auch im Rahmen der Erzähltraditionen gedeutet. Der interdisziplinäre Band beschäftigt sich darüber hinaus mit der Entstehungsgeschichte der Aufnahmen, der Frage des Lagers als Labor sowie mit kulturwissenschaftlichen Perspektiven auf dieses sensible Material. So stellt sich nicht zuletzt die Frage, inwiefern die Aufnahmen im Zusammenhang mit der aktiven Erinnerungskultur in Neubrandenburg Teil eines im buchstäblichen Sinne sprechenden kulturellen Gedenkens werden können – an einen Ort und an Menschen, die über Jahrzehnte zum Schweigen verurteilt waren.

Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Neubrandenburg 2014 Foto: Britta Lange
Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Neubrandenburg 2014 Foto: Britta Lange