Wissenschaftliche Sammlungen

Lautarchiv

Rabindranath Tagore Beispiel aus dem Sammlungsbestand „Berühmte Persönlichkeiten“

Die Tonaufnahme des bengalischen Dichters, Schriftstellers und Philosophen Rabindranath Tagore bzw. Thakur (1861-1941) trägt nicht nur die Signatur Aut 48, welche die Zugehörigkeit zu der Sammlung von Stimmportraits berühmter Persönlichkeiten kenntlich macht, sondern als einzige Schellackplatte des Lautarchivs auch die Signatur LP 1. Die sogenannte „Stimmensammlung zur Autographensammlung Darmstaedter“ wurde 1917 von Wilhelm Doegen gemeinsam mit dem Chemiker Ludwig Darmstaedter angelegt, der auch für die Finanzierung aufkam. Bis 1925 wurde die Signatur Aut (für Autophon) vergeben; nachfolgend reihten sich die Tonaufnahmen von vornehmlich berühmten männlichen Politikern und Wissenschaftlern der Zeitgeschichte in die herkömmliche Signatur LA (für Lautabteilung) ein. Wie in vielen anderen Fällen wurde die grammophonische Aufnahme von Rabindranath Tagore nicht live (dies war aus technischen Gründen längst nicht möglich) während seines eigentlichen Vortrags an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin aufgezeichnet, sondern zum Zweck der Aufnahme wiederholt – in diesem Fall drei Tage später im Hotel Esplanade am Potsdamer Platz.

Fotografie von Rabindranath Tagore Fotograf_in und Provenienz unbekannt; Lautarchiv, Humboldt-Universität zu Berlin
Fotografie von Rabindranath Tagore Fotograf_in und Provenienz unbekannt; Lautarchiv, Humboldt-Universität zu Berlin

Tonaufnahme von Rabindranath Tagore, Aut 48

Ein besonderes Kennzeichen der Schellackplatten aus dem Archivbestand „Stimmen berühmter Persönlichkeiten“ stellt die in die Wachsplatte geritzte Unterschrift des jeweiligen Sprechers dar. Auch Wilhelm Doegen hinterließ stets seinen Namen als Gravur auf der Platte. Aufgenommen wurden die Schlussworte eines Vortrags, den Tagore am Abend des 1. und aufgrund des großen Publikumsinteresses auch am 2. Juni 1921 im Aulagebäude der Universität in englischer Sprache gehalten hatte. In der Rede „The Message of the Forest“ – die Tagore auf seinen Reisen durch Europa und Nordamerika an vielen Orten vortrug – spricht er über die Vision einer ‘Welt-Universität’, an der Menschen verschiedener Kulturen und Religionen eine akademische Gemeinschaft bilden. Noch im selben Jahr gründete Tagore die Universität Visva-Bharati in Santiniketan in Indien. Der letzte Satz seiner Rede lautet: „India’s great achievement, which is still stored deep within her heart, is waiting, to unite within itself Hindu, Muslim, Buddhist and Christian, not by force, not by the apathy of resignation, but in the harmony if active co-operation.” Bereits 1913 war Tagore als erster nicht-westlicher Person der Nobelpreis für Literatur verliehen worden.

Weitere Materialien

Im Gegensatz zu der schriftlichen Dokumentation der restlichen Tonaufnahmen des Lautarchivs wurden zu den Stimmportraits berühmter Persönlichkeiten vergleichsweise wenige Informationen in dem zu jeder Platte angefertigten Personalbogen festgehalten. Neben einer Fotografie von Tagore sind im Lautarchiv auch der Inhalt der Tonaufnahme sowie ein Text von Wilhelm Doegen von 1961 erhalten, in dem er anlässlich des 100. Geburtstags Tagores von seinen Erinnerungen an den Vortragsabend berichtet. Recht floskelhaft schreibt Doegen: „Es war als ob Luft und Wände des Raumes mitschwangen, wenn die langsam hingezogene Sprachmelodie ein singendes Echo auslöste. Auch wer nicht Englisch verstand, war hingerissen und ergriffen von der klingenden Sprache eines Mannes aus einer damals uns Deutschen unbekannten Welt.“

Objektbiografie und Bibliografie

1. Juni 1921
Vortrag „The Message of the Forest“ in der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (heute: Humboldt-Universität zu Berlin).
2. Juni 1921
Wiederholung des Vortrags aufgrund des großen Publikumsinteresses.
4. Juni 1921
Grammophonische Aufnahme (Aut 48) der Schlussworte des Vortrags im Hotel Esplanade in Berlin; eine weitere Aufnahme (Aut 49) mit einem selbstkomponierten bengalischen Lied ist im digitalen Sammlungskatalog als Verlust vermerkt.
1959
Durch den Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl gelangt die Tonaufnahme nach Indien.
7. Mai 1961
Wilhelm Doegen verfasst anlässlich des 100. Geburtstags Tagores einen Text über seine „Erinnerungen an Rabindranath Tagore“.
1999-2007
Digitalisierung der erhaltenen Schellackplatte und Einspeisung in die Datenbank „Kabinette des Wissens“ der HU.
2000-2001
Die Tonaufnahme wird im Rahmen der Ausstellung „Theatrum Naturae et Artis – Theater der Natur und Kunst“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin gezeigt. Vgl.: Bayer, Kirsten/Mahrenholz, Jürgen: „’Stimmen der Völker’ – Das Berliner Lautarchiv“, in: Horst Bredekamp/Jochen Brüning/Cornelia Weber (Hg.): Theater der Natur und Kunst, Ausstellungskatalog, Berlin, 2000, S. 117-128.
2012
Lars-Christian Koch erwähnt die Tonaufnahme im Rahmen der Publikation „My Heart Sings. Die Lieder Rabindranath Tagores zwischen Tradition und Moderne.“ Vgl. Koch, Lars-Christian (2012): „My Heart Sings. Die Lieder Rabindranath Tagores zwischen Tradition und Moderne“, Berlin, 2012, S. 166.
2014
Die Tonaufnahme ist auf der Internetseite der deutschen Vertretungen in Indien online zugänglich.
2016
Der indische Journalist Mohit Rao verfasst einen Artikel für taz.blogs.