Wissenschaftliche Sammlungen

Lautarchiv

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Sammlungsbestände des Lautarchivs

Kernbereich des Lautarchivs sind die rund 4.500 Lautplatten (ohne Duplikate), die sich in rund 3.800 Sprach- und gut 700 Musikplatten aufteilen.

Die Bestände sind durch Verschleiß und Kriegsverluste leider nicht mehr vollständig. Von den Schallplattenbeständen sind jeweils Dubletten hergestellt worden, so dass sich wahrscheinlich in anderen Archiven noch Kopien der im Lautarchiv verlorenen Aufnahmen befinden. Für Hinweise sind wir dankbar.

Die folgende Strukturierung der Teilbestände - teils nach Medien, teils nach Inhalten, teils nach chronologischer Ordnung - hat sich in den letzten Jahren verfestigt. Einige Aufnahmen sind mehreren der hier beschriebenen Teilbestände zuzuordnen. Bisher sind die Aufnahmen in der Datenbank nicht nach den hier aufgeführten Bestandsgruppen verschlagwortet, so dass eine Datenbankabfrage nach den jeweiligen Gruppen leider nicht einfach möglich ist. In der Geschichte des Lautarchivs existierten auch noch weitere, hier nicht aufgeführte Unterteilungen, beispielsweise nach Linguistik und Phonetik.

Nicht alle Objekte des Lautarchivs sind katalogisiert. Zugleich umfasst der Online-Katalog auch Schallplattenaufnahmen, die zwar verzeichnet sind und zu denen Schriftdokumente existieren, die aber als verloren gelten.

Dokumentation von Sprachen

Die Dokumentation von Sprachen bildet den Kernbestand des Lautarchivs. Die Sprachen und Dialekte, die in den Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs aufgenommen wurden (laut Wilhelm Doegen über 250 verschiedene an der Zahl), stellen dabei bis heute einen wesentlichen Bestandteil dar. Die Sprachen, die in der russischen Armee vertreten waren (z.B. Georgisch, Litauisch, Koreanisch) sowie die Dialekte aus den weiteren Entente-Staaten ebenso wie die Sprachen der ‘Kolonialsoldaten’ in den Armeen Frankreichs und Englands decken ein weites Spektrum ab. Die Aufnahmen umfassen wiederkehrende Texte wie das als Standarttext gewählte biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn, aber auch traditionelle Lieder oder Märchen aus den Ländern der Sprecher und auch persönliche Berichte. Erst in den letzten Jahren ist neben den phonetischen Aspekten auch diesen Bedeutungen, den individuellen Erzählungen und kulturellen wie gesellschaftlichen Kontexten, Beachtung geschenkt worden. Dokumentiert sind die Aufnahmen durch die ursprünglichen Personalbögen, teilweise auch durch Texte in Originalsprache, phonetische Transkriptionen und Übersetzungen. Nur zum Teil liegen diese schriftlichen Dokumente digital vor, Arbeitskopien sind im Lautarchiv vorhanden. Die Tonaufnahmen sind in der Datenbank „Kabinette des Wissens“ erschlossen und dort recherchierbar. Bedauerlicherweise finden in der Datenbank nur die historischen Begriffe für Sprachen und Ethnien Verwendung, ohne dass sie als solche gekennzeichnet sind. Diese Begriffe differieren in vielen Fällen von den damals üblichen Eigenbezeichnungen der Sprachen. Eine „Dekolonialisierung“ des Begriffsapparats, also eine Kennzeichnung der historischen Begriffe und Kategorien als ebensolche und die Ergänzung heutiger Begriffe ist äußerst wünschenswert, kann derzeit aus Kapazitätsgründen aber leider nicht systematisch realisiert werden, so dass konkrete Hinweise von außen höchst willkommen sind.

Hörbeispiel und Dokumentation:
Sadak Berresid – „Kriegsgedichte“

Berühmte Persönlichkeiten

1917 hat Wilhelm Doegen, der Begründer der Lautabteilung an der Preußischen Staatsbibliothek, gemeinsam mit dem Chemiker Prof. Ludwig Darmstaedter an der Preußischen Staatsbibliothek mit dem Aufbau einer Sammlung von Stimmportraits berühmter Persönlichkeiten begonnen. Diese Sammlung war als Ergänzung zu Darmstaedters Autographensammlung zur Geschichte der Wissenschaft gedacht und sollte dem Zweck dienen, die Stimmen solcher Persönlichkeiten aufzubewahren, an deren Erhaltung für die Nachwelt aus damaliger Sicht ein historisches Interesse bestand. Dieser Sammlungsteil wurde ab 1920 in die neu gegründete Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek übernommen und dort sowie ab 1934 am Institut für Lautforschung der Berliner Universität bis 1944 fortgeführt.

Zu den Personen, deren Stimmen man für bewahrenswert hielt und von denen grammophonische Aufnahmen gemacht wurden, gehören u.a. Wilhelm II, Theobald von Bethmann-Hollweg, Paul von Hindenburg, Gustav Noske, Philipp Scheidemann, Friedrich Ebert, Alfred von Tirpitz und Max Planck.

Da Live-Aufnahmen im heutigen Sinne damals noch nicht möglich waren, wurden die betreffenden Persönlichkeiten gebeten, einzelne Passagen aus bereits gehaltenen öffentlichen Reden oder Vorträgen nachträglich für die Aufnahmen zu wiederholen oder aus ihren Werken zu lesen.

Anders als bei den wissenschaftlichen Sprachaufnahmen wurde auf eine ausführliche Dokumentation dieser Stimmportraits weitgehend verzichtet. Dafür findet sich auf den Platten in der Regel die handschriftliche, in die Platte gepresste Signatur des Sprechers.

Der Bestand im Lautarchiv weist große Lücken auf. Die noch vorhandenen Aufnahmen tragen alle das Kürzel AUT (für Autopohon) oder LA (für Lautabteilung), sind digitalisiert und in der Datenbank „Kabinette des Wissens“ erschlossen. Auch die als Verlust geltenden Aufnahmen sind dort katalogisiert und recherchierbar, um einen Überblick über das Gesamtprojekt zu ermöglichen.

Deutsche Mundarten

Ein Großteil der im Lautarchiv befindlichen Aufnahmen deutscher Mundarten wurde in den 1920er Jahren gemeinsam von Wilhelm Doegen, dem Begründer des Lautarchivs, und dem Marburger Germanisten Ferdinand Wrede angefertigt. Die Aufnahmen waren als Ergänzung zum Deutschen Sprachatlas gedacht, der unter Wredes Leitung an der Marburger Philipps-Universität erarbeitet wurde und der die räumliche Verbreitung der deutschen Dialekte erfassen und dokumentieren sollte. Grundlage der Aufnahmen für den Sprachatlas waren die sogenannten Wenkersätze, die in der deutschen Mundartforschung bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur systematischen Datenerhebung verwendet wurden. Es handelt sich dabei um insgesamt 40, von dem Germanisten Georg Wenker (Begründer des Projektes „Deutscher Sprachatlas“ an der Universität Marburg) zusammengestellte, hochsprachliche Sätze, die von Sprecher_innen lokaler Dialekte in ihre jeweiligen Mundarten zu „übersetzen“ waren. Sie waren darauf ausgerichtet, dass die typischen lautlichen und grammatischen Merkmale der einzelnen Dialekte dabei hervortreten.

Die Aufnahmen wurden in Form standardisierter Personalbögen zu den Sprechern dokumentiert; Arbeitskopien können im Lautarchiv eingesehen werden. Sämtliche Aufnahmen dieser Bestandsgruppe sind digitalisiert und können in der Datenbank „Kabinette des Wissens“ online recherchiert werden.

Hörbeispiel und Dokumentation:
Emma Spreng – Sage von den Wurzelkindern

Musikaufnahmen

Musikaufnahmen waren keine eigene Sammelkategorie der Linguisten der Phonographischen Kommission oder der Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek und tragen deshalb auch keine eigene Signatur. Dennoch finden sich in den Beständen der Kriegsgefangenenaufnahmen und der Dialektaufnahmen viele Lieder, auch einige Instrumentalstücke wurden in den 1920er Jahren aufgenommen. Das Insitut für Lautforschung nahm ab 1934 verstärkt deutsche und so genannte ‘auslandsdeutsche’ Volkslieder auf.

Die Gesangs- und Instrumentalaufnahmen, die von Mitgliedern der Phonographischen Kommission während des Ersten Weltkriegs auf Wachswalzen aufgenommen und inzwischen digitalisiert wurden, können in der Online-Datenbank der Staatlichen Museen zu Berlin recherchiert werden.

Aufnahmen von Gefängnisinsassen aus dem Jahr 1926

Wilhelm Doegen zeichnete während der Berliner Polizeiausstellung 1926 Tondokumente mit Inhaftierten in Berliner Gefängnissen auf. Sie sprachen meist als Vergleichstext die Wenkersätze, doch auch einen persönlichen Bericht über ihr Leben und ihren Weg ins Gefängnis. Im Hinblick auf Intentionen und Machtposition der involvierten Wissenschaftler und Mitglieder der Berliner Polizei sind auch diese Dokumente als sensible Objekte zu betrachten.

Die Aufnahmen entstanden im (pseudo-)wissenschaftlichen Kontext von Physiognomik und Charakterologie, die nahe legten, dass ‘kriminelle’ Züge sich am Körper abzeichneten - in Schädelform, Körpermerkmalen sowie möglicherweise auch in der Stimme. Auswertungen der Tonaufnahmen und schriftlichen Dokumentation sind bisher nicht bekannt - für Hinweise sind wir auch hier dankbar.

Tierstimmen

Auch Tierstimmen lassen sich auf einzelnen Schellackplatten des Lautarchivs finden. Gemeinsam mit einigen Kolleg_innen nahm Wilhelm Doegen 1925 die Tierlaute von Elefanten, Seelöwen, Bären, Tigern und Löwen im Zirkus Krone in Berlin auf. Zwei Jahre später verschlug es Doegen in den Dresdener Zoo, wo er Hyänen, Tiger und Affen vor den Aufnahmetrichter des Grammophons positionierte, um deren Laute aufzuzeichnen.

Kommerzielle Sprachplatten

Der Gründer des Lautarchivs, Wilhelm Doegen, hatte seit 1909 Sprachschallplatten für den Schulunterricht produziert. Sowohl aus dieser frühen als auch aus späteren Zeiten befinden sich derartige Bestände im Lautarchiv. Da bei der Erschließung aus Kapazitätsgründen der Schwerpunkt auf Eigenaufnahmen des Lautarchivs und seiner Vorgängereinrichtungen gelegt wurde, sind diese kommerziell vertriebenen Platten noch nicht systematisch erfasst und entsprechend auch nicht in einer Datenbank recherchierbar.

Aufnahmen auf Acetatplatten

Diese in den historischen Darstellungen des Lautarchivs nicht erwähnte Bestandsgruppe lässt sich allein an der Materialität der Tonträger festmachen, da Aufnahmekontexte, Provenienzen und Inhalte nicht bekannt sind. Auf Grund des prekären konservatorischen Zustands können die Schallplatten derzeit nicht abgespielt werden. 2016 ist im Rahmen einer Bachelorarbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ein Weg aufgezeigt worden, wie die Platten restauriert werden könnten, um sie wieder abspielen zu können.

Phonetische Aufnahmen aus der Zeit der DDR

Es liegen über 300 Aufnahmen auf Magnetbändern vor. Ihre Erschließung und Digitalisierung steht noch aus. Hinweise von Zeitzeug_innen zu diesem Bestand, dessen Provenienz derzeit noch unklar ist, sind willkommen.

Instrumente

Es befinden sich sowohl einzelne Musik- wie auch phonetische Forschungsinstrumente im Besitz des Lautarchivs. Auch ihre Provenienz ist weitgehend unklar, sie konnten noch nicht systematisch erschlossen werden.

Fotografien

Im Lautarchiv befinden sich Fotos von Aufnahmesituationen und einzelnen Personen. Zum Großteil sind Provenienz, Namen der Fotograf_innen sowie der abgebildeten Personen unbekannt. Für ergänzende Informationen sind wir dankbar. Da Klärungen zum Urheber_innenrecht noch ausstehen, sind sie derzeit nicht komplett online recherchierbar.

Schriftenreihen zu den Aufnahmen

Die „Lautbibliothek. Phonetische Platten und Umschriften“, herausgegeben von der Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek in den 1920er Jahren oder die „Arbeiten aus dem Institut für Lautforschung an der Universität Berlin“, herausgegeben von Diedrich Westermann in den 1930er Jahren, haben sich zum Ziel gesetzt, die Lautschriften und Übersetzungen der Aufnahmen des Lautarchivs zu publizieren. Die phonetische Bearbeitung der Texte erfolgte dabei ohne Berücksichtigung der Aufnahmekontexte und der Inhalte der Texte. Die Schriftenreihen sind in mehreren Bibliotheken vorhanden; die Exemplare im Lautarchiv konnten bisher nicht systematisch erfasst und der Forschung zugänglich gemacht werden.

Metaarchiv

Bereits in der Frühzeit des Lautarchivs wurden Presseartikel und Ähnliches zum Lautarchiv und seinen Aktivitäten gesammelt. Sie sind für Forschungsprojekte im Lautarchiv einsehbar. Bezüglich der Aktivitäten, die seit der Digitalisierung ab 1999 entstanden sind, wird eine möglichst vollständige Dokumentation angestrebt. Alle Nutzer_innen, die Tonaufnahmen oder Archivalien des Lautarchivs verwendet haben, werden gebeten, entsprechende Belegexemplare ihrer Publikationen, Medienproduktionen und auch Dokumentationen von Ausstellungen (Flyer, Kataloge, fotografische Dokumentationen, websites) dem Lautarchiv zur Verfügung zu stellen.