Wissenschaftliche Sammlungen

Lautarchiv

Chronologie

1877 – Thomas Alva Edison entwickelt den Phonographen, ein Gerät, das mittels Wachswalzen im sog. Tiefenschriftverfahren Schallereignisse aufzeichnen und wiedergeben kann. Damit ist zum ersten Mal die Möglichkeit gegeben, akustische Phänomene in einer reproduzierbaren Form zu fixieren.

1887 – Erfindung des Grammophons durch Emile Berliner. Das Grammophon arbeitet mit Seitenschrift und ermöglicht die Aufnahme von Makrorillenplatten (Schellackplatten).

1899 – Mit der Gründung des „Wiener Phonogrammarchivs“ an der „Österreichischen Akademie der Wissenschaften“ wird das erste phonographische Schallarchiv der Welt ins Leben gerufen. Die Sammlungsschwerpunkte verteilen sich hier gleichermaßen auf Musik, Sprache und Stimmporträts. Ähnliche Institutionen wie z.B. in Paris, London, Berlin oder St. Petersburg sollten dem Wiener Beispiel bald folgen.

1900 – Die ersten Tondokumente für das wenig später errichtete „Berliner Phonogramm-Archiv“ entstehen, als der Psychologe Carl Stumpf einen Auftritt thailändischer Hofmusiker, die in Berlin gastieren, mit Hilfe eines Edison-Phonographen aufzeichnet.

1901 – Andere Ziele als in Wien verfolgt Carl Stumpf mit der Gründung des „Berliner Phonogramm-Archivs“, das zunächst als Universitätssammlung dem Psychologischen Institut der Universität angegliedert wird.

1904 – Der Gymnasiallehrer Wilhelm Doegen beschäftigt sich mit der grammophonischen Aufzeichnung des gesprochenen Wortes. Doegen arbeitet daran, die Lautschrift von Sprachen unter Einbeziehung von Tonaufnahmen verständlicher zu vermitteln. Sein Interesse gilt der Schallplatte als phonetisches Lehrmittel zunächst im Englischunterricht.

1909 – Herausgabe der mehrbändigen Reihe „Doegens Unterrichtshefte für die selbständige Erlernung fremder Sprachen mit Hilfe der Lautschrift und der Sprechmaschine“. Ein Sprachkurs, der erstmals Lautschrift und Lautplatte vereint.

1910 – Päsentation Wilhelm Doegens „Lautplatten zum Zweck der Sprachforschung und Lehre“ auf der Weltausstellung in Brüssel. Doegen wird mit der Silbernen Medaille ausgezeichnet.

1912 – Etwa 1000 Schulen und einige Universitäten verwenden nun die Lautplatten Doegens für den Sprachunterricht.

1914 – Wilhelm Doegen reicht seine „Vorschläge zur Einrichtung eines Königlichen Preußischen Phonetischen Instituts“ bei dem Kultusministerium ein. Dieser Antrag bildet die Grundlage zur „Königlichen Preußischen Phonographischen Kommission“ und umfasst folgende Komponenten: „1. Sprachen sämtlicher Völker der Erde; 2. Sämtliche deutsche Mundarten; 3. Musik und Gesang sämtlicher Völker der Erde; 4. Stimmen der großen Persönlichkeiten; 5. Verschiedenes.“ Auch wird hier bereits die Gliederung der 1920 institutionalisierten Lautabteilung angedeutet.

1915 – Gründung der „Königlichen Preußischen Phonographischen Kommission“ unter der Leitung von Carl Stumpf und Wilhelm Doegen als geschäftsführenden Sekretär. Mehr als 30 aussschließlich männliche deutsche Sprachwissenschaftler, Musikwissenschaftler und Anthropologen werden Mitglieder der Kommission.

1915-1918 – Die Phonographische Kommission führt im geheimen Auftrag während des Ersten Weltkriegs in den deutschen Internierungslagern Sprach- und Musikaufnahmen mit dem Ziel durch, die Sprachen der Gefangenen sowie ihre traditionelle Musik nach methodischen Grundsätzen systematisch aufzuzeichnen und mit dazugehörigem Textmaterial zu bearbeiten. Dabei werden 1651 grammophonische Studien (überwiegend Sprachdokumente, aber auch Musikaufnahmen) von Wilhelm Doegen und 1022 Wachswalzen (ausschließlich Musikaufnahmen) von dem Musikwissenschaftler Georg Schünemann angefertigt.

1917 – Ludwig Darmstaedter errichtet zusammen mit Wilhelm Doegen eine „Stimmen-Sammlung zur Autographen-Sammlung Darmstaedter“ an der Preußischen Staatsbibliothek. Die Stimmensammlung umfasst zu der Zeit 41 Stimmporträts bekannter Persönlichkeiten.

1920 – Offizielle Auflösung der Phonographischen Kommission. Gründung des „Lautarchivs“ durch Wilhelm Doegen. Auf Veranlassung Se. E. v. Harnacks wird es als Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek angegliedert. Grundstock bilden die während des Ersten Weltkriegs in den Gefangenenlagern entstandenen grammophonischen Aufzeichnungen (die Wachswalzen mit den Musikaufnahmen gelangten in das Phonogramm-Archiv). Hinzu kommt eine Anzahl von Doegens Sprachunterrichtplatten und seine Platten der Stimmensammlung berühmter Persönlichkeiten.

1922-1944 – Eigenständige Sammeltätigkeit der Lautabteilung. Zur Dokumentation jeder Aufnahme wird ein Personalbogen mit Transkriptionen und gegebenenfalls Übersetzungen angelegt.

1931 – Die Aufsicht über die Lautabteilung wird der Friedrich-Wilhelms-Universität zugesprochen (Doegen wird wegen Verstoßes gegen die Haushaltsvorschriften zeitweilig entlassen).

1933 – Die Leitung der Lautabteilung übernimmt der Afrikanist und Phonetiker Diedrich Westermann. Doegen führt keine weiteren Aufnahmen mehr durch.

1934 – Umwandlung der Lautabteilung in das „Institut für Lautforschung“ und Eingliederung in die Universität durch Erlass des Ministers.

1935 – Das Institut für Lautforschung wird in drei Bereiche unterteilt, denen jeweils ein Fachwissenschaftler vorsteht: 1. eine linguistische Abteilung (Diedrich Westermann); 2. ein phonetisches Laboratorium (Franz Wethlo); 3. eine Musikabteilung (Fritz Bose). Zu dieser Zeit entstehen ein Katalog der Musikaufnahmen von Fritz Bose: „Lieder der Völker“ sowie Veröffentlichungen zu Teilen der Sprachplatten.

1939-1941 – Während des Zweiten Weltkriegs werden wiederum Tondokumentationen Kriegsgefangener in Deutschland als auch in Gefangenenlagern in Frankreich (dort insbesondere afrikanische Sprachaufnahmen) erstellt. Alle Matrizen der Lautplatten gehen im Krieg verloren, das Institut bleibt jedoch bestehen.

1947 – Wilhelm Doegen wird Leiter der „wissenschaftlichen Bibliothek“ des Lautarchivs und erhält einen Lehrstuhl für Anglistik an der Pädagogischen Hochschule in Berlin. Das Institut für Lautforschung erhält die Bezeichnung „Institut für vergleichende Phonetik“, die Leitung bleibt bei Diedrich Westermann.

1951 – Umbenennung des Instituts für vergleichende Phonetik in „Institut für Phonetik“.

1962-1969 – Bildung des „Instituts für Phonetik und Kommunikationswissenschaft“, das Lautarchiv wird mit übernommen.

1969 – Das Institut für Phonetik und Kommunikationswissenschaft verliert seine Eigenständigkeit und wird als eine „Abteilung Phonetik/Sprechwissenschaft“ in die Sektion Rehabilitationspädagogik und Kommunikationswissenschaft eingegliedert. Dem Lautarchiv wird in dieser neuen Einrichtung kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt. Die Plattensammlung wird in der Folgezeit durch mehrere Umzüge und Umstrukturierungen der wissenschaftlichen Institutionen an verschiedenen Standorten in der Universität untergebracht.

1975 – Der Musikethnologe Jürgen Elsner bewirkt die Unterbringung der Lautsammlung in dem Institut für Musikwissenschaften der Humboldt-Universität, Am Kupfergraben 5.

1990 – Dieter Mehnert übernimmt in den neunziger Jahren die Betreuung der Sammlung.

1996 – Dieter Mehnert legt einen ersten zusammenfassenden Bericht über das Lautarchiv samt Bestandsübersicht vor.

1997 – Das Lautarchiv wurde in das Sammlungsprojekt des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität aufgenommen und seither mit Mitteln der Volkswagenstiftung gefördert. Initiatoren dieser Unternehmung waren der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Mathematiker Jochen Brüning.

1999 – Systematische Erschließung der Archivbestände durch den Musikethnologen Jürgen Mahrenholz am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik. Wegen Renovierungsarbeiten der Gebäude Am Kupfergraben 5 vorübergehend untergebracht in der Burgstraße 26.

2000-2001 – Präsentation des Lautarchivs in der Ausstellung „Theater der Natur und Kunst“ der Humboldt-Universität im Martin-Gropius-Bau Berlin.

2002 – Nach Renovierung des Gebäudes Am Kupfergraben 5, Umzug des Lautarchivs in Räume des Musikwissenschaftlichen Seminars.

2007 – Zum Ende der Förderung durch die VW-Stiftung sind 6.400 Aufnahmen auf Schellackplatten digitalisiert, im Rahmen der Datenbank Kabinette des Wissens erschlossen und seit 2007 online recherchierbar. Zugleich endet die kustodische Betreuung des Lautarchivs durch Jürgen Mahrenholz, da die Universitätsleitung keine Mittel zur weiteren Betreuung zur Verfügung stellt. Anfragen an das Lautarchiv werden von nun an vor allem von Michael Willenbücher bearbeitet, der für die Administration der Datenbank zuständig ist.

2007 – Der Dokumentarfilm „The Halfmoon Files – a ghost story …“ (Buch, Regie: Philip Scheffner) feiert bei der Berlinale Weltpremiere. Er gewinnt den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, den Förderpreis der Stadt Duisburg, wird beim Int. Independent Filmfestival of Mar del Plata (Argentinien) zum besten Dokumentarfilm gewählt, erhält den Prix des Mediatheques des Festival International du Documentaire Marseille und den Award for best Documentation & Research beim Memorimage Festival, Reus (Spanien).

2007/2008 – Die Ausstellung „Making of … The Halfmoon Files“ (kuratiert von Britta Lange und Philip Scheffner) wird im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien (Berlin) gezeigt.

2011 – Die englische Version der Ausstellung „Making of … The Halfmoon Files“ wird in Mumbai und Delhi gezeigt.

2011 – Melanie Wald-Fuhrmann übernimmt als Professorin für Musiksoziologie und Historische Anthropologie der Musik an der HU die Zuständigkeit für das Lautarchiv und initiiert Katalogisierungs- und Konservierungsmaßnahmen (bis zum Verlassen der Humboldt-Universität 2013).

2013 - Das Lautarchiv ist Kooperationspartner eines von der DFG geförderten Projektes des Phonogrammarchivs am Ethnologischen Museum Berlin zur Erschließung und Digitalisierung der Tonaufnahmen Preußischen Phonographischen Kommission 1915-1918 (Projektleitung: Lars-Christian Koch, Staatliche Museen zu Berlin).

2013 – Das Lautarchiv ist assoziierter Partner des internationalen Forschungsverbundes Cultural Exchange in a Time of Global Conflict: Colonials, Neutrals and Belligerents during the First World War (Förderung durch Humanities in the European Research Area „HERA“) (Projektleitung: Heike Liebau, Zentrum Moderner Orient, Berlin).

2013 – In den finalen Bauplänen des Humboldt Forums auf dem Berliner Schloßplatz sind Räumlichkeiten für das Lautarchiv vorgesehen; das Konzept der Humboldt-Universität sieht für 2019 den Umzug des Lautarchivs als einzige Universitätssammlung ins Humboldt Forum vor; auch das Phonogrammarchiv des Ethnologischen Museums Berlins soll in das Humboldt Forum einziehen.

2013-2014 – Im Rahmen des 100. Jahrestages des Ersten Weltkriegs wird das Lautarchiv über 150 Mal für Ausstellungs-, Forschungs-, Lehr- und Kunstprojekte angefragt (u.a. BBC international, NTR (öffentlicher Rundfunk Niederlande), ZDF, RBB, Deutsches Historisches Museum, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Blixa Bargeld, King’s College London, Archive and Public Culture Research Initiative (University of Cape Town), Columbia University New York); da keine Kustod_innenstelle eingerichtet ist, übernehmen Mitarbeiter_innen der Technischen Abteilung (Michael Willenbücher), des Instituts für Kulturwissenschaft (Britta Lange), des Helmholtz-Zentrums (Jochen Hennig) und der Musikwissenschaften (Sarah Grossert) die Bearbeitung der Anfragen.

2014 – Das Präsidium der Humboldt-Universität überträgt dem Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik die Zuständigkeit für das Lautarchiv.

2014 – Der Akademische Senat der Humboldt-Universität beschließt eine Sammlungsordnung, die ein Bekenntnis der Universität zu ihren Sammlungen darstellt und erstmals die Zuständigkeiten für die universitären Sammlungen regelt.

2016 - Anlässlich des 100. Jahrestages der ersten Aufnahmen durch die Phonographische Kommission führt das Lautarchiv in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Universität Amsterdam eine internationale Tagung durch, die kultur- und wissenschaftshistorische Perspektiven mit aktuellen Projekten zum Lautarchiv zusammenbringt.

2016 - Der Musikwissenschaftler Sebastian Klotz und die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange werden als Sammlungsleitung eingesetzt.